In den Jahren 1993 und 1996 ereigneten sich in Frankfurt am Standort Griesheim zwei schwere Chemieunfälle bei der Hoechst AG, die das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Sicherheit und Umweltverträglichkeit der Produktion der chemischen Industrie stark erschütterten. In der Tat war das, was am Rosenmontag 1993 auf die Menschen einwirkte, alles andere als marginal. Die lokale Bürgerbewegung listete die Schadstoffe auf und bemühte sich um Langzeituntersuchungen für die Bevölkerung – ohne Erfolg.
Der damalige Vorstandsvorsitzende Dormann fragte in einem Interview, „inwieweit wir chemische Produktion, die mit umwelt- und gesundheitsrelevanten Stoffen in größerer Menge umgehen, in einem Ballungszentrum wie dem Rhein-Main-Gebiet aufrechterhalten können“ und prägte den Begriff stadtgängig für eine chemische Produktion, die auch von einer kritischen Öffentlichkeit akzeptiert werden könne.
Seit dem geistert das Wort “stadtgängig” im Zusammenhang mit der Chemie durch die Köpfe der Menschen. Zum Zeitpunkt der Wortschöpfung ging es vor allem um Sicherheit. Um das Schaffen von Stellen für Notfallmanager, die in den chemischen Werken rund um die Uhr darauf achten, dass in Notfällen richitg gehandelt wird.
Heute hat der Wortsinn sich gewandelt. Unter stadtgängig versteht man nicht nur, dass die Sicherheit der Bewohner der angrenzenden Stadtteilen und Gemeinden gewährleistet ist. Unter stadtgängig versteht man auch die Minimierung von Risiken für die Gesundheit der Anwohner während des laufenden Betriebs der Anlagen. Und Risiken für die Lebensumwelt, für die Natur, in der die Bürger leben.
Was soll, was kann Chemie – was darf sie tun? Kann eine kleine Gruppe von Entscheidungsträgern machen, was sie will?
Am 23. November waren erhebliche Rauchwolken über dem Industriepark zu sehen. Gleichzeitig dokumentierte die Luftmesstation Frankfurt-Ost um 9.00 Uhr morgens einen Stickstoffmonoxidaustritt von 457,5 µg pro m3 Luft. Das ist ein Vielfaches der üblicherweise gemessenen Menge.
Auf unsere schriftliche Anfrage zu den Vorgängen vom 23. November teilte AllessaChemie zunächst per email mit, es sei am 23. 11. alles ordnungsgemäss verlaufen. Dabei bezog AllessaChemie sich ausschliesslich auf seine eigenen Anlagen und leitete unsere Frage an Getec weiter. Das erstaunt, denn der Genehmigungsakte zu den Braunkohlestaubkraft-werken ist zu entnehmen, dass die Allessa-Werksfeuerwehr für die Sicherheit der Gesamtanlagen Sorge trägt und, wenn eine wirksame Gefahrenabwehr erfolgen soll, vollumfassend über alle Vorgänge informiert sein müsste. Am 31. Januar schreibt AllessaChemie uns erneut an, bezieht sich auf die Getec-Anlagen und teilt mit, dass nur Wasserdampf abgelassen wurde. Beim erstmaligen Zünden im Rahmen einer Inbetriebnahme eines Ölkessels sei es zu einer Rauchentwicklung gekommen. Das Regierungspräsidium Darmstadt, ebenfalls am 23. Januar angeschrieben, hat bis heute nicht geantwortet.
Ist es hinnehmbar, dass die Verantwortung für Geschehnisse im Industriepark von einem Verantwortlichen zum anderen geschoben werden?
Keine 20 Jahre nach dem Rosenmontagsunfall in Hoechst, im Jahr 2012, haben Fechenheims Bürger das Gefühl, bei der Genehmigung des Braunkohlestaubkraftwerks – in Wirklichkeit sind es zwei Braunkohlestaubkraftwerke – von Anfang an beschummelt worden zu sein. Zuerst die Geheimniskrämerei des Unternehmens Allessa, das sich dann später dafür entschuldigte und ein Fünf-Punkte-Programm ausrief. Der erste Bürgerdialog der AllessaChemie nach dem Modell des “Gesprächskreises der Nachbarn des Industrieparks Hoechst”, zu dem Ortsbeiräte und auch ein Vertreter der Bürgerinitiative Zukunft Fechenheim eingeladen wurden, fand am 21. November vergangenen Jahres statt und soll im 6monatigen Intervall weitergeführt werden. Wir, die Vertreter der Bürgerinitiative Zukunft Fechenheim, werden uns an diesem Dialog beteiligen. Wenngleich in dieser Runde über den Weiterbetrieb der Braunkohlestaubkraftwerke nicht zu entscheiden sein wird, so hoffen wir doch, AllessaChemie bei zukünftigen Entscheidungen für die Belange der Bürger sensibilisieren zu können. Wie unsere Hoechster Mitbürger möchten wir in dem Gesprächskreis mit den Verantwortlichen des Chemieparks Umwelt- und Gesundheitsbelastungen thematisieren, in uns betreffende Unternehmensent-scheidungen zukünftig frühzeitig eingebunden sein und die Anliegen der Bürger zu Gehör bringen.
Es geht jedoch um mehr als nur die Braunkohlestaubkraftwerke. Es geht um das Grundverständnis der Demokratie. Um die Frage, ob die Bedenken der Bürger noch ernst genommen werden. Ob es berechtigt ist, zu wählen und zu glauben, damit Dinge verändern zu können. Oder ob nicht etwa die Bürger mehr miteinander reden, ihre Stimme unüberhörbar machen müssen. Um die Themen, die für sie von großer Bedeutung sind, auf den Tisch zu bringen.
Aus diesen Überlegungen heraus hat sich aus dem Kreis der Bürgerinitiative ein Verein gegründet, der das Wohl und die Weiterentwicklung Fechenheims im Auge hat. Ziele des Vereins sind
- Maßnahmen zur Verbesserung der Wohnsituation im Stadtteil
- Unterstützung kultureller Initiativen im Stadtteil
- Verhinderung zusätzlicher Belastungen durch Lärm, Abgase und schädliche Emissionen
Die website des Vereins finden Sie hier: Vereinzukunftfechenheim.wordpress.com
Wir freuen uns über weitere Vereinsmitglieder, die sich mit uns in die Gestaltung des Stadtteils einbringen wollen.








